Der Taupunkt ist die Temperatur, bei der Luft ihre Feuchtigkeit nicht mehr halten kann und Wasser an kalten Oberflächen kondensiert. Er ist die entscheidende Größe, wenn es um Schimmel geht – denn Schimmel braucht kein sichtbares Tauwasser, ihm genügt dauerhaft hohe Feuchte an der Wandoberfläche. Wer den Taupunkt seiner Raumluft kennt und die Oberflächentemperatur kritischer Stellen misst, erkennt das Risiko, bevor der erste dunkle Fleck erscheint. Diese Anleitung zeigt Ihnen die Formel, die vollständige Tabelle und die drei Baustellen, an denen es in der Praxis wirklich schiefgeht.
- Bei 20 °C und 50 % relativer Luftfeuchte liegt der Taupunkt bei 9,3 °C. Jede Oberfläche, die kälter ist, beschlägt.
- Schimmel wächst bereits ab etwa 80 % relativer Feuchte an der Oberfläche – also deutlich vor sichtbarem Kondensat.
- Als Grenzwert gilt eine Oberflächentemperatur von 12,6 °C bei 20 °C Raumtemperatur und –5 °C außen (Temperaturfaktor fRsi ≥ 0,7 nach DIN 4108-2).
- Wärmebrücken sind die kältesten Stellen im Raum – dort wird der Taupunkt zuerst unterschritten, meist in Außenecken und hinter Möbeln.
- Stoßlüften mit weit geöffneten Fenstern senkt die Feuchte wirksam. Gekippte Fenster kühlen die Laibung aus und verschärfen das Problem.
Schimmel-Check anfragen Wärmebrücken berechnen und vermeiden
Was der Taupunkt ist
Warme Luft kann mehr Wasserdampf aufnehmen als kalte. Wie viel genau, beschreibt die relative Luftfeuchte: Sie gibt an, zu welchem Anteil die Luft bei der aktuellen Temperatur mit Wasserdampf gesättigt ist. Kühlt dieselbe Luftmenge ab, steigt die relative Feuchte, obwohl sich die absolute Wassermenge nicht ändert. Bei 100 Prozent ist der Sättigungspunkt erreicht – das ist der Taupunkt.
Im Wohnraum passiert das nicht in der Raumluft, sondern an Oberflächen. Die Luft im Zimmer hat 20 °C, die Innenseite der ungedämmten Außenwand aber nur 11 °C. Trifft die Raumluft auf diese Fläche, kühlt die unmittelbar angrenzende Luftschicht ab. Liegt die Wandtemperatur unter dem Taupunkt, fällt dort Wasser aus. Genau deshalb beschlagen Fensterscheiben zuerst und Innenwände nie.
Die Magnus-Formel: so wird gerechnet
Der Taupunkt lässt sich aus Raumtemperatur und relativer Luftfeuchte berechnen. In der Bauphysik ist die Magnus-Formel Standard, weil sie im relevanten Temperaturbereich sehr genau ist.
α = ln(φ ÷ 100) + (a × T) ÷ (b + T)
Td = (b × α) ÷ (a − α)
mit T = Lufttemperatur in °C, φ = relative Luftfeuchte in %, a = 17,62 und b = 243,12 °C.
Ein durchgerechnetes Beispiel für ein typisches Wohnzimmer mit 20 °C und 60 Prozent relativer Feuchte:
- Zwischenwert berechnen: (17,62 × 20) ÷ (243,12 + 20) = 352,40 ÷ 263,12 = 1,3394.
- Feuchteanteil ergänzen: ln(60 ÷ 100) = ln(0,6) = −0,5108. Summe: 1,3394 − 0,5108 = 0,8285.
- Taupunkt bilden: (243,12 × 0,8285) ÷ (17,62 − 0,8285) = 201,43 ÷ 16,79 = 12,0 °C.
Jede Oberfläche in diesem Raum, die kälter als 12,0 °C ist, beschlägt. Und wichtiger noch: Schon bei Oberflächentemperaturen um 15 °C liegt die relative Feuchte direkt an der Wand über 80 Prozent – Schimmel findet dort Bedingungen zum Wachsen, lange bevor Sie einen Wassertropfen sehen.
Taupunkt-Tabelle
Die folgenden Werte sind mit der Magnus-Formel berechnet. Lesen Sie in der Zeile Ihre Raumtemperatur und in der Spalte Ihre gemessene relative Luftfeuchte ab – das Ergebnis ist die Temperatur, bei der Kondensation einsetzt.
| Raumtemperatur | 30 % | 40 % | 50 % | 60 % | 70 % | 80 % | 90 % |
|---|---|---|---|---|---|---|---|
| 10 °C | −6,8 | −3,0 | 0,0 | 2,6 | 4,8 | 6,7 | 8,4 |
| 12 °C | −5,1 | −1,2 | 1,9 | 4,5 | 6,7 | 8,7 | 10,4 |
| 14 °C | −3,3 | 0,6 | 3,7 | 6,4 | 8,6 | 10,6 | 12,4 |
| 16 °C | −1,6 | 2,4 | 5,6 | 8,2 | 10,5 | 12,5 | 14,4 |
| 18 °C | 0,1 | 4,2 | 7,4 | 10,1 | 12,4 | 14,5 | 16,3 |
| 20 °C | 1,9 | 6,0 | 9,3 | 12,0 | 14,4 | 16,4 | 18,3 |
| 22 °C | 3,6 | 7,8 | 11,1 | 13,9 | 16,3 | 18,4 | 20,3 |
| 24 °C | 5,3 | 9,6 | 12,9 | 15,8 | 18,2 | 20,3 | 22,3 |
| 26 °C | 7,1 | 11,4 | 14,8 | 17,6 | 20,1 | 22,3 | 24,2 |
Alle Angaben in Grad Celsius. Die Zeile für 20 °C ist hervorgehoben, weil sie den üblichen Wohnbereich abbildet: Bei 50 Prozent Luftfeuchte ist die Lage entspannt, ab 60 Prozent wird es an Wärmebrücken eng, ab 70 Prozent kondensiert es an fast jeder ungedämmten Außenwandecke.
Schimmelrisiko: die 80-Prozent-Grenze
Der verbreitetste Irrtum lautet, Schimmel entstehe erst bei sichtbarem Kondenswasser. Tatsächlich genügen den meisten Schimmelarten rund 80 Prozent relative Feuchte unmittelbar an der Oberfläche, und zwar über einen Zeitraum von einigen Tagen. Das Wachstum beginnt also weit vor dem Taupunkt.
| Oberflächentemperatur bei 20 °C Raumluft, 50 % Feuchte | Relative Feuchte an der Oberfläche | Bewertung |
|---|---|---|
| ab 17 °C | ca. 60 % | unkritisch |
| 15 °C | ca. 70 % | unauffällig |
| 12,6 °C | ca. 80 % | Grenzwert nach DIN 4108-2 |
| 11 °C | ca. 88 % | Schimmelgefahr |
| 9,3 °C | 100 % | Tauwasser fällt aus |
Daraus leitet sich das bauphysikalische Kriterium ab: Der Temperaturfaktor fRsi muss mindestens 0,7 betragen. Bei 20 °C Raumtemperatur und −5 °C Außentemperatur entspricht das einer Mindest-Oberflächentemperatur von 12,6 °C an jeder Stelle der Gebäudehülle – auch in der ungünstigsten Ecke. Wird dieser Wert unterschritten, ist die Konstruktion nach DIN 4108-2 nicht ausreichend.
Bei Schimmelstreitigkeiten wird schnell auf das Nutzerverhalten verwiesen. Die Bauphysik unterscheidet aber klar: Liegt die Oberflächentemperatur unter 12,6 °C, obwohl normal geheizt und gelüftet wird, ist die Konstruktion mangelhaft – kein Lüftungsverhalten der Welt gleicht eine ungedämmte Wärmebrücke aus.
Wärmebrücken: wo es zuerst passiert
Der Taupunkt wird nie in der Raummitte unterschritten, sondern immer an der kältesten Stelle. Das sind Wärmebrücken – Bereiche, in denen mehr Wärme nach außen abfließt als in der Regelfläche. Typische Kandidaten in Bestandsgebäuden:
- Außenwandecken. Geometrische Wärmebrücke: außen große Fläche, innen kleine – die Ecke kühlt stärker aus als die Fläche daneben.
- Auskragende Balkonplatten. Der Beton führt Wärme direkt nach außen. Bei ungedämmter Anbindung sinkt die Innenoberfläche im Anschlussbereich deutlich ab.
- Fensterlaibungen und Rollladenkästen. Häufig nur wenige Zentimeter Mauerwerk, dazu oft undicht.
- Deckenauflager und Ringanker. Durchgehende Betonbauteile im Mauerwerk.
- Heizkörpernischen. Bewusst dünner ausgeführte Außenwand – historisch üblich, bauphysikalisch fatal.
Dazu kommt ein Effekt, der oft übersehen wird: Möbel und Vorhänge verschärfen die Lage. Ein Schrank direkt an der Außenwand unterbindet die Luftzirkulation, die Oberfläche dahinter kühlt um mehrere Grad weiter ab. Fünf Zentimeter Abstand und offene Sockelleisten kosten nichts und wirken sofort. Wie sich Wärmebrücken rechnerisch erfassen und beseitigen lassen, zeigt unser Beitrag zu Wärmebrücken: Berechnung und Vermeidung.
Innendämmung: wo der Taupunkt wandert
Wenn eine Außendämmung nicht möglich ist – etwa bei denkmalgeschützten Fassaden oder Sichtmauerwerk –, bleibt die Innendämmung. Sie ist bauphysikalisch anspruchsvoll, weil sie den Temperaturverlauf in der Wand verändert: Die Bestandswand liegt danach dauerhaft kälter, und die kritische Zone verlagert sich an die Grenzfläche zwischen Dämmung und Altbauwand.
Dort kann Tauwasser anfallen, ohne dass es jemand bemerkt, weil es unsichtbar hinter der Dämmebene liegt. Zwei Lösungswege haben sich bewährt: kapillaraktive Dämmstoffe wie Calciumsilikat oder Holzfaser, die anfallende Feuchte aufnehmen und zur Raumseite zurückführen, oder ein dichter Aufbau mit feuchteadaptiver Dampfbremse, deren Diffusionswiderstand sich je nach Feuchtelage ändert.
Der klassische stationäre Nachweis nach DIN 4108-3 bildet Innendämmung nur unzureichend ab, weil er weder Schlagregen noch Sorptionsvorgänge berücksichtigt. Für Innendämmung sollte eine hygrothermische Simulation nach DIN EN 15026 gerechnet werden. Wer darauf verzichtet, dämmt auf Verdacht – und der Schaden zeigt sich erst nach Jahren.
Wichtig ist außerdem die konsequente Behandlung der Anschlüsse. Innendämmung wirkt nur, wenn auch Laibungen, Deckeneinbindungen und Innenwandanschlüsse mitgedämmt werden. Sonst entstehen genau dort neue Wärmebrücken, wo vorher keine waren – mit einem Temperaturunterschied, der größer ist als vor der Sanierung.
Lüftungsverhalten: Stoßlüften statt Kippen
Ein Vier-Personen-Haushalt gibt täglich rund zehn bis zwölf Liter Wasser an die Raumluft ab – durch Atmung, Kochen, Duschen, Wäschetrocknen und Zimmerpflanzen. Diese Menge muss hinaus, sonst steigt die relative Feuchte und damit der Taupunkt.
| Jahreszeit | Dauer je Lüftungsvorgang | Häufigkeit |
|---|---|---|
| Dezember bis Februar | 4 – 6 Minuten | 4 – 6 × täglich |
| März und November | 8 – 10 Minuten | 3 – 5 × täglich |
| April, Mai, Oktober | 12 – 15 Minuten | 3 – 4 × täglich |
| Juni bis September | 20 – 30 Minuten | 2 – 3 × täglich |
Entscheidend ist die Methode. Beim Stoßlüften öffnen Sie das Fenster vollständig, idealerweise mit Durchzug über gegenüberliegende Räume. Die Luft wird komplett getauscht, Wände und Möbel kühlen dabei kaum aus, weil Bauteile viel träger reagieren als Luft. Beim Kipplüften dagegen strömt über Stunden wenig Luft aus, während die Fensterlaibung dauerhaft auskühlt – ausgerechnet die Stelle, die ohnehin die kälteste im Raum ist. Nach dem Lüften die Heizkörper wieder aufdrehen: Wer die Heizung dauerhaft drosselt, senkt die Oberflächentemperaturen und erhöht das Risiko.
Messen statt schätzen
Zwei Messgrößen brauchen Sie, um das Risiko wirklich einzuschätzen – und beide kosten wenig.
- Hygrometer für relative Luftfeuchte und Raumtemperatur. Stellen Sie es nicht auf die Fensterbank, sondern in die Raummitte, etwa in Kopfhöhe.
- Infrarot-Thermometer für Oberflächentemperaturen. Messen Sie gezielt in Außenecken, hinter Möbeln, an Laibungen und über der Heizkörpernische.
- Taupunkt aus der Tabelle ablesen und mit der niedrigsten gemessenen Oberflächentemperatur vergleichen. Liegt die Differenz unter drei Kelvin, besteht Handlungsbedarf.
- Thermografie im Winter zeigt Wärmebrücken flächig – sinnvoll bei mindestens 15 Kelvin Temperaturunterschied zwischen innen und außen.
Zeigt die Messung dauerhaft Werte im kritischen Bereich, hilft kein Lüftungsplan mehr weiter. Dann liegt ein bauphysikalisches Defizit vor, das über Dämmung, die Beseitigung der Wärmebrücke oder eine kontrollierte Lüftung mit Wärmerückgewinnung behoben werden muss.
Weiterführende Artikel: Wärmebrücken berechnen und vermeiden, GEG-Nachweis, Energieausweis Kosten und Umrechnung Heizöl in kWh.
Häufige Fragen zum Taupunkt
Mit der Magnus-Formel aus Lufttemperatur und relativer Luftfeuchte. Zunächst bilden Sie α = ln(φ ÷ 100) + (17,62 × T) ÷ (243,12 + T), anschließend Td = (243,12 × α) ÷ (17,62 − α). Bei 20 °C und 60 Prozent Luftfeuchte ergibt das 12,0 °C.
Bei 9,3 °C. Jede Oberfläche im Raum, die kälter als 9,3 °C ist, beschlägt. Kritisch wird es allerdings schon deutlich früher: Bereits bei rund 12,6 °C Oberflächentemperatur erreicht die Feuchte direkt an der Wand 80 Prozent – die Schwelle, ab der Schimmel wächst.
Nicht die Raumluftfeuchte ist entscheidend, sondern die Feuchte direkt an der Oberfläche. Ab etwa 80 Prozent relativer Feuchte an der Wand, über mehrere Tage anhaltend, finden die meisten Schimmelarten ausreichende Bedingungen. Sichtbares Kondenswasser ist dafür nicht nötig.
Nach DIN 4108-2 muss der Temperaturfaktor fRsi mindestens 0,7 betragen. Bei 20 °C Raumtemperatur und −5 °C außen entspricht das einer Mindest-Oberflächentemperatur von 12,6 °C an jeder Stelle der Gebäudehülle, auch in der ungünstigsten Ecke.
Weil das Möbelstück die Luftzirkulation unterbindet und die Wandoberfläche dahinter mehrere Grad kälter wird als die freie Fläche daneben. In Verbindung mit einer Außenwandecke reicht das oft aus, um die 80-Prozent-Grenze zu überschreiten. Fünf Zentimeter Abstand zur Wand lösen das Problem in vielen Fällen.
Ja. Beim Kippen wird über Stunden nur wenig Luft getauscht, während die Fensterlaibung dauerhaft auskühlt – ausgerechnet an einer ohnehin kalten Stelle. Stoßlüften mit weit geöffnetem Fenster tauscht die Luft in wenigen Minuten vollständig aus, ohne dass Bauteile nennenswert abkühlen.
Die Bestandswand liegt nach der Dämmung kälter, die kritische Zone verlagert sich an die Grenzfläche zwischen Dämmung und Altbauwand. Bewährt haben sich kapillaraktive Dämmstoffe oder ein Aufbau mit feuchteadaptiver Dampfbremse. Der stationäre Nachweis nach Glaser genügt hier nicht – nötig ist eine hygrothermische Simulation nach DIN EN 15026.


