Kratzender Hals, trockene Augen, rissige Lippen: Im Winter ist schnell die Heizung schuld. Nur stimmt das nicht. Ein Heizkörper erzeugt kein Wasser und entfernt auch keines.
Was die Wohnung tatsächlich austrocknet, ist der Luftaustausch mit kalter Außenluft. Das klingt nach Haarspalterei, ist aber entscheidend: Wer die Ursache falsch verortet, greift zu Maßnahmen, die um Größenordnungen danebenliegen. Dieser Beitrag rechnet vor, was wirklich hilft.
- Die Heizung trocknet nichts. Sie macht die Trockenheit nur sichtbar.
- Außenluft von 0 Grad bei 80 Prozent ergibt im warmen Raum nur noch rund 21 Prozent.
- Lüften senkt im Winter die relative Luftfeuchte, es erhöht sie nicht.
- Um 40 Prozent dauerhaft zu halten, braucht ein Wohnzimmer rund zwei Liter Wasser am Tag.
- Für einen gesundheitlichen Mindestwert gibt es keine belastbare wissenschaftliche Grundlage.
- Die wirksamste kostenlose Maßnahme ist, die Raumtemperatur zu senken.
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Trockene Heizungsluft: was Sie sofort tun können
Bevor es um Physik geht, die Maßnahmen für heute Abend.
- Ein Hygrometer aufstellen. Ohne Messwert ist jede Maßnahme Raten.
- Die Raumtemperatur um ein bis zwei Grad senken. Das ist die einzige kostenlose Maßnahme mit berechenbarer Wirkung.
- Kurz und kräftig stoßlüften statt Fenster kippen. Nicht wegen der Feuchte, sondern weil die Bauteile dabei weniger auskühlen.
- Vorhandene Feuchtequellen nutzen: Badezimmertür nach dem Duschen offen lassen, Kochdunst nicht sofort absaugen.
- Wäsche im Wohnraum trocknen, aber nicht im kalten Schlafzimmer.
- Viel trinken und bei gereizten Schleimhäuten mit Nasenspray oder Inhalation arbeiten.
Der letzte Punkt ist ehrlich gemeint als Symptombehandlung. Er verändert die Raumluft nicht, lindert aber genau das, was Sie stört.
Warum die Luft im Winter trocken wird
Entscheidend ist der Unterschied zwischen zwei Begriffen, die ständig verwechselt werden.
Die absolute Feuchte ist die tatsächlich enthaltene Wassermenge, gemessen in Gramm je Kubikmeter. Die relative Feuchte ist der Anteil davon an dem, was bei dieser Temperatur maximal möglich wäre. Und dieses Maximum steigt mit der Temperatur stark an.
| Temperatur | maximale Wassermenge |
|---|---|
| −5 °C | 3,41 g/m³ |
| 0 °C | 4,85 g/m³ |
| 5 °C | 6,79 g/m³ |
| 10 °C | 9,38 g/m³ |
| 15 °C | 12,80 g/m³ |
| 21 °C | 18,27 g/m³ |
Werte nach der Magnus-Formel berechnet, bezogen auf Normdruck. Sie decken sich mit den Tabellenwerten der bauphysikalischen Literatur.
Jetzt das Rechenbeispiel. Draußen sind es null Grad bei 80 Prozent relativer Feuchte. Diese Luft enthält also 0,80 × 4,85 = 3,88 Gramm Wasser je Kubikmeter. Sie strömt durch Fenster und Fugen ins Haus und erwärmt sich auf 21 Grad. Dabei kommt kein Tropfen Wasser hinzu.
Bei 21 Grad wären 18,27 Gramm möglich. Vorhanden sind 3,88. Macht eine relative Feuchte von rund 21 Prozent.
Das bayerische Landesamt für Umwelt formuliert es für den umgekehrten Fall eindeutig: Beim Erwärmen bleibt der absolute Wassergehalt der Luft unverändert. Die Heizung ist nur die Voraussetzung dafür, dass dieselbe Wassermenge einen niedrigen Prozentwert ergibt. Trocken wird die Wohnung durch jeden Kubikmeter warmer Raumluft, der nach draußen geht und durch kalte Außenluft ersetzt wird.
Daraus folgt auch, warum das Problem nur bei Frost auftritt.
| Außenluft bei 80 % Feuchte | Luftfeuchte im Raum bei 21 °C |
|---|---|
| −5 °C | rund 15 % |
| 0 °C | rund 21 % |
| 5 °C | rund 30 % |
| 10 °C | rund 41 % |
Bei zehn Grad Außentemperatur beschwert sich niemand über trockene Heizungsluft. Das ist kein Zufall.
Welche Luftfeuchte wird eigentlich empfohlen?
Überall stehen 40 bis 60 Prozent. Woher diese Zahl stammt, sagt praktisch niemand. Wir haben nachgesehen.
- dauerhaft nicht über 65 bis 70 %
- an der Wand über 80 % kritisch
- nennt keinen Mindestwert
- bei 20 °C höchstens 80 %
- bei 22 °C höchstens 70 %
- kein Mindestwert vorgesehen
- 40 % im Winter angenommen
- 60 % im Sommer
- für Planer, nicht für Wohnungen
- Altbau ungedämmt: 25 bis 45 %
- Neubau gedämmt: 35 bis 55 %
- einzige bautypabhängige Angabe
Zwei Richtigstellungen dazu. Erstens: Die oft zitierte Empfehlung „40 bis 60 Prozent laut Umweltbundesamt” ließ sich auf keiner Seite des Umweltbundesamts finden. Das Amt argumentiert ausschließlich nach oben. Ein behördlicher Beleg für die Spanne existiert, er stammt aber vom bayerischen Landesamt für Gesundheit und gilt für die Einstellung raumlufttechnischer Anlagen.
Zweitens: Die Werte aus der Arbeitsstättenregel sind Obergrenzen. Eine Mindestluftfeuchte schreibt sie nicht vor. Wer behauptet, die Arbeitsstättenregel fordere 40 Prozent, hat sie nicht gelesen.
Was belegt ist und was nicht
Hier wird es unbequem, denn der Forschungsstand ist dünner als der Ton der Ratgeber.
Die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin hat 2020 gemeinsam mit dem Institut für Arbeitsschutz der Berufsgenossenschaften eine Literaturstudie vorgelegt, die zehn Übersichtsarbeiten und 27 Einzelstudien aus den Jahren 2006 bis 2019 auswertet. Das Ergebnis lautet, dass sich aus den vorliegenden Daten kein unterer Richtwert für die relative Luftfeuchte ableiten lässt. Und weiter, dass trockene Luft allein im Allgemeinen nicht zu gesundheitlichen Problemen führt.
Eine ältere Untersuchung desselben Instituts kam bereits zu dem Schluss, dass keine Studie identifiziert werden konnte, die eine Untergrenze von 30 Prozent medizinisch begründet.
Dem steht eine Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2024 gegenüber, die bei niedriger Raumluftfeuchte eine erhöhte Häufigkeit akuter Augen- und Atemwegssymptome beschreibt und einen günstigen Bereich zwischen 40 und 60 Prozent nennt.
Beide Befunde sind korrekt und widersprechen sich nur scheinbar. Die Literaturstudie prüft, ob sich ein verbindlicher Richtwert für reale Arbeitsstätten ableiten lässt, und verneint das. Die Übersichtsarbeit bewertet Labor- und Modellbefunde. Wir lösen den Widerspruch hier nicht auf, sondern stellen ihn als offenen Forschungsstand dar. Was daraus folgt: Wenn Sie sich unwohl fühlen, ist das ein guter Grund zu handeln. Ein medizinisch zwingender Grenzwert ist es nicht.
Was gegen trockene Heizungsluft wirklich hilft
Jetzt der Reality-Check, der im gesamten Themenfeld fehlt. Rechnen wir aus, wie viel Wasser überhaupt nötig wäre.
Ein Wohnzimmer mit 20 Quadratmetern und 2,5 Metern Höhe hat 50 Kubikmeter. Innen 21 Grad, draußen null Grad bei 80 Prozent, Luftwechsel ein halbes Mal pro Stunde. Um darin dauerhaft 40 Prozent zu halten, müssen rund 93 Gramm Wasser pro Stunde nachkommen. Das sind etwa 2,2 Liter am Tag.
Interessant ist der Gegenwert: Einmalig von 30 auf 40 Prozent zu kommen, kostet in diesem Raum nur rund 91 Gramm. Die Einmalmenge ist also winzig, die Dauerleistung ist das Problem. Alles, was nicht kontinuierlich etwa zwei Liter am Tag liefert, hält den Wert nicht.
Zum Vergleich: Ein Mensch gibt je nach Aktivität zwischen 50 und 200 Gramm Wasser pro Stunde ab. Ein belebter Raum hat deshalb oft gar kein Problem, ein einzeln genutztes Arbeitszimmer dagegen schon.
| Maßnahme | Wirkung | Einordnung |
|---|---|---|
| Raumtemperatur um 2 Grad senken | hebt die relative Feuchte um gut 2 Prozentpunkte | ✓ berechenbar, kostenlos |
| Wäsche im Raum trocknen | liefert relevante Mengen | ~ unkontrolliert, nicht im kalten Raum |
| Luftbefeuchter mit Hygrostat | liefert die nötigen zwei Liter geregelt | ~ Hygiene und Folgekosten beachten |
| Wasserschale auf dem Heizkörper | Größenordnung passt nicht | ✗ Menge nicht belegbar |
| Zimmerpflanzen | geben Feuchte ab, aber unsteuerbar | ✗ nicht quantifizierbar |
| Häufiger lüften | senkt die Feuchte im Winter | ✗ wirkt gegenteilig |
Zur verbreiteten Behauptung, Zimmerpflanzen gäben über 90 Prozent des Gießwassers an die Raumluft ab: Diese Zahl steht auf zahlreichen Portalen und in keinem einzigen Fall mit Quelle. Wir verwenden sie deshalb nicht.
Luftbefeuchter: wann sinnvoll, wann riskant
Ein Gerät ist der einzige Weg, zwei Liter am Tag kontrolliert und geregelt zu liefern. Dafür handeln Sie sich ein Hygienethema ein.
Die Stiftung Warentest hat im September 2025 acht Geräte geprüft und bei einigen eine Abgabe von Bakterien an die Raumluft nachgewiesen. Bemerkenswert ist auch die Kostenstruktur: Strom und Wasser kosten unter 14 Euro im Jahr, die Folgekosten für Ersatzteile und Hygienemittel reichen bis in den dreistelligen Bereich.
Welcher Maßstab für Hygiene gilt, zeigt ein Blick in die Lüftungstechnik. Für Befeuchter in raumlufttechnischen Anlagen verlangt die VDI 6022 Blatt 1 in der Fassung 2018-01 einen Grenzwert für Legionellen von unter 100 koloniebildenden Einheiten je 100 Milliliter, eine Gesamtkoloniezahl unter 1.000 je Milliliter und eine halbmonatliche Prüfung des Umlaufwassers.
Genau deshalb sind Geräte mit stehendem Umlaufwasser der kritische Bautyp. Dampfbefeuchter sind hygienisch am sichersten, weil das Wasser auf 100 Grad erhitzt wird. Ultraschallvernebler geben gelöste Mineralien als Feinstaub an die Raumluft ab und sollten nicht mit hartem Leitungswasser betrieben werden. Und ein Verdunster arbeitet nicht kostenlos: Er entzieht die Verdunstungsenergie der Raumluft, der Heizbedarf steigt.
Falls Sie ein Gerät anschaffen: Es muss einen Hygrostat haben, sonst laufen Sie in das Problem des nächsten Abschnitts. Und mobile Geräte wirken nur in Räumen bis etwa 40 Quadratmeter.
Die andere Seite: ab wann droht Schimmel
Beim Befeuchten laufen Sie von einem unscharfen Problem in ein sehr hartes.
Das Umweltbundesamt nennt als Dauerwert, dass ein Hygrometer nicht mehr als 65 bis 70 Prozent anzeigen sollte. Direkt an der Wand gemessene Werte über 80 Prozent sind ein Sofortsignal zum Stoßlüften. Das bayerische Landesamt für Umwelt setzt Schimmelgefahr ab einer relativen Feuchte von 70 bis 80 Prozent über mehrere Tage an.
Entscheidend ist dabei nicht der Wert in der Raummitte, sondern die Feuchte unmittelbar an der kalten Oberfläche. Und die ist in einer ungedämmten Außenwandecke deutlich höher als am Hygrometer auf dem Sideboard.
Praktisch heißt das: Befeuchten ohne Messgerät ist keine gute Idee. Und wer ohnehin ein Feuchteproblem an einer Wand hat, sollte erst den Feuchteschutz klären, bevor er zusätzliches Wasser in die Luft gibt.
Die bauliche Lösung
Wenn der Luftwechsel das Problem ist, lässt es sich auch dort lösen. Eine kontrollierte Wohnraumlüftung mit Feuchterückgewinnung überträgt nicht nur Wärme, sondern auch Feuchtigkeit von der Abluft auf die Zuluft.
Die Kenngröße dafür heißt Rückfeuchtezahl. Zertifizierte Geräte erreichen je nach Bauart Werte von etwa 47 bis 75 Prozent. Die trockene Außenluft kommt also gar nicht erst knochentrocken im Raum an.
Eine Einschränkung gehört dazu: Feuchterückgewinnung ist kein pauschaler Gewinn. In unserem Klima ist sie vor allem bei vergleichsweise geringen Feuchtelasten sinnvoll, also bei eher niedriger Belegungsdichte. Bei einem vollen Haushalt kann die Raumluftfeuchte sonst zu stark steigen. Die Auslegung gehört deshalb in Fachhände, siehe auch unser Beitrag zum Lüftungskonzept nach DIN 1946-6.
Wer das Raumklima beurteilt
Trockene Heizungsluft ist selten ein isoliertes Problem. Sie hängt an der Dichtheit des Gebäudes, am Lüftungsverhalten, an der Belegung und an der Heizkurve. Ein Hygrometer zeigt das Symptom, nicht die Ursache.
In der GREENOX Gruppe kommen energetische Bewertung und Messung aus einer Hand, von der Luftdichtheitsmessung bis zur Auslegung einer Lüftungsanlage. Für Planung und Bauleitung bei größeren Eingriffen arbeiten wir mit Garnisch + Werndle zusammen.
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Häufige Fragen
Ursachen und Werte
Maßnahmen und Geräte
Ob Ihre Wohnung wirklich zu trocken ist oder ob die Beschwerden eine andere Ursache haben, zeigt erst die Messung an den richtigen Stellen. Wir prüfen Luftdichtheit, Feuchteverteilung und kritische Oberflächen und sagen Ihnen, ob ein Gerät hilft oder ob die Lüftung das Problem ist.

